Digitale Demokratie

Digitalisierung und Öffentlichkeit in Brasilien

Von Korruption Zu Gewalt

Kriminalität als Gegenstand der öffentlichen Debatte im Vorfeld der Wahlen 2022

Download (PDF)

1. Sumário Executivo

Zusammenfassung:

Dieser Bericht bietet einen Überblick über die öffentliche Wahldebatte zu den Themen Gewalt und Kriminalität in Brasilien. Um zu verstehen, wie diese Themen gerahmt und angesprochen wurden, führte die FGV-Kommunikation/Rio zwischen dem 1. Januar und dem 18. Juli 2022 eine Multiplattform-Analyse durch, die auf Twitter- und Facebook-Postings basiert. Um näher darauf einzugehen, wurden Analysen mit verschiedenen Ansätzen durchgeführt, welche von einer Visualisierung der Interaktionen über thematische Entwicklungen bis hin zu Clustern von Begriffen und einer Liste der wichtigsten Links in der Debatte reichen. Generell ist festzustellen, dass sich der Schwerpunkt der Debatte vom Thema Korruption nach und nach inhaltlich in den Bereich der Kriminalität und Gewalt verlagerte.

 

Schlüsselwörter:
Gewalt und Kriminalität; Wahlen 2022; Wahldebatte.

 

Zusammenfassung Der Ergebnisse

 

  • Korruption, ein zentrales Thema bei den letzten Wahlen, wurde im Laufe des Jahres 2022 schrittweise von einer Debatte über Kriminalität und Gewalt verdrängt. Dabei stellte Korruption 20 % der Themen dar, die mit Lula und Bolsonaro assoziiert wurden.
  • Die Anzahl der analysierten Profilseiten, die Korruption mit Bolsonaro und Lula verknüpften, war im rechten und linke politischen Feld gleich hoch. Allerdings waren die Anhänger*innen von Bolsonaro für ca. 53 % der Interaktionen verantwortlich. Mit 6,2 % der Profilseiten spielten die Befürworter*innen des sogenannten „dritten Weges“, die weder Bolsonaro noch Lula unterstützten, nur eine kleine Rolle bei der Debatte.
  • Während Bolsonaro wegen Korruptionsskandalen und Vorwürfen der Förderung politischer Gewalt unter Druck geriet, gingen die Angriffe auf Lula von Korruptionsvorwürfen bis hin zum Versuch, ihn mit kriminellen Vereinigungen in Verbindung zu bringen.

2. Ergebnisse und Diskussion

1) Interaktionen

Bild 1 – Visualisierung der Interaktionen in der Twitter-Debatte über die Präsidentschaftskandidat*innen in Zusammenhang mit Gewalt und Kriminalität
Analysierter Zeitraum: Vom 1. Mai bis zum 18. Juli 2022

Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

. Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

Linke ‒ 43,26 % der Profilseiten | 40,85 % der Interaktionen
Die Gruppe der Linken besteht aus Profilseiten von Blogger*innen, Unterhaltungskanälen und Politiker*innen, wobei die Profilseite des damaligen Präsidentschaftskandidaten Lula hervorzuheben ist. Die durch Anprangerungen und Empörung geprägte Gruppe thematisierte unter anderem die Morde an dem brasilianischen Indigenen-Experten Bruno Araújo Pereira und dem englischen Journalisten Dom Phillips aufgrund ihrer Verteidigung der indigenen und Amazonas-Gebiete sowie die Ermordung von Marcelo Aloizio Arruda, Schatzmeister der brasilianischen Arbeiterpartei, durch Jorge Guaranho, einem Beamten der Bundeskriminalpolizei und Anhänger des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro. Darüber hinaus wurde Bolsonaro in den Postings dieser Gruppe mit einer langen Reihe von Verbrechen in Verbindung gebracht. Dabei wurden unter anderem Informationen über Bolsonaros Impfpass, die finanziellen Ausgaben während seiner Präsidentschaft und seine Treffen mit Pfarrern diskutiert. Die Ermordung von Genivaldo de Jesus Santos mit Tränengas löste Bestürzung in dieser Gruppe aus und der Regierung (die in diesem Fall von „Staatsgeheimnissen“ sprach) wurde ein Vertuschen des Verbrechens vorgeworfen. Außerdem warfen die Nachrichten auf der Plattform Kongressabgeordneten, vor allem Carla Zambelli (PL-SP) und Jorginho Mello (PL-SC), die Beteiligung an kriminellen Handlungen in Verbindung mit der verbrecherischen Organisation PCC vor. Die Abgeordneten wurden als „Amazonas-Mafia“ und „Fraktion des Verbrechens“ bezeichnet.

Rechte ‒ 43,08 % der Profilseiten | 53,22 % der Interaktionen
Die Gruppe der Rechten setzt sich aus konservativen Journalist*innen, Blogger*innen, Influencer*innen und dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro zusammen. In der Gruppe wurden die Leistungen der Polizei mit Erwähnungen des BOPE (Bataillons für spezielle Polizeioperationen), des Staatssekretariates der Militärpolizei und der Bundespolizei gelobt und angebliche Rekordzahlen bei der Reduzierung von Tötungsdelikten, Gewaltverbrechen und Drogenbeschlagnahmungen proklamiert. Die Postings machen die Linke und Lula verantwortlich dafür, Verbrecher*innen und den Drogenhandel zu unterstützen, die Gesetze und Opfer der Kriminalität zu missachten und Polizist*innen zu verteufeln. Die Nachrichten bedauern angebliche Lücken in der brasilianischen Verfassung und befürworten strengere Bestrafungen bei Verbrechen gegen Kinder – zum Beispiel soll in solchen Fällen eine lebenslange Haftstrafe ausgesprochen werden können. Mehrere Beiträge sprechen sich außerdem gegen die Abtreibung aus und verbreiten Falschinformationen über die angebliche Beziehung zwischen der PT und der PCC.

Dritter Weg ‒ 6,24 % der Profilseiten | 3,57 % der Interaktionen
Diese Gruppe besteht aus alternativen Medienkanälen und Profilseiten von Politiker*innen wie Ciro Gomes, die den sogenannten dritten Weg verkörpern. Sie machte auf angebliche illegalen Handlungen der damaligen Präsidentschaftskandidaten Lula und Bolsonaro aufmerksam. In den Beiträgen zeigte sich die Bestürzung über ein Aussage Lulas während einer Veranstaltung in Maceió (AL), in der der PT-Politiker behauptete, er habe sich mit Renan Calheiros und Fernando Henrique Cardoso mit dem Ziel unterhalten, die Entführer von Abílio Diniz aus dem Gefängnis zu befreien. Die Postings kritisierten Lula deswegen und brachten ihn und die PT mit verschiedenen Verbrechen in Verbindung oder unterstellten ihnen Kriminelle zu schützen. Mit Bezug auf Jair Bolsonaro wurde darauf hingewiesen, dass er möglicherweise mehrfach Amtsmissbrauch begangen habe und es somit notwendig gewesen sei, rechtliche Schritte einzuleiten, um ihn seines Amtes zu entheben. Die Beiträge machten jedoch darauf aufmerksam, dass die Anwesenheit des Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Arthur Lira (PP-AL), möglicherweise den Fortschritt des Amtsenthebungsantrags behindern würde.

Bild 1 – Wichtigste Tweets der Debatte über Gewalt/Kriminalität und Präsidentschaftskandidat*innen nach Gruppe
Analysierter Zeitraum: Vom 1. Mai bis zum 18. Juli 2022

Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

. Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

2) Entwicklung der Debatte je nach Unterthema

Diagramm 2 – Entwicklung von Unterthemen mit Bezug auf Sicherheit bei der Twitter-Wahldebatte
Analysierter Zeitraum: Vom 1. Januar bis zum 18. Juli 2022

Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

. Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

Während des gesamten analysierten Zeitraums wurden Gewalt und Kriminalität häufiger erwähnt als anderen Themenkomplexen zugeordnete Stichwörter mit Bezug auf Sicherheit und stiegen darüber hinaus um mehr als 100 % an. Dieser Anstieg ist auf die Mobilisierung der Profilseiten, die Bolsonaro unterstützten, zurückzuführen. Dabei nahmen sie kritisch Bezug auf Lulas Äußerungen über seine Teilnahme an den Verhandlungen über die Freilassung des 1989 entführten Unternehmers Abílio Diniz.

Der Fall verstärkte die Verknüpfung der Arbeiterpartei mit der kriminellen PCC-Fraktion. Die Erinnerung an den Todesfall des ehemaligen Bürgermeisters von Santo André, Celso Daniel, und ein Bericht der Zeitschrift Veja, der einen Auszug aus dem Geständnis von Marcos Valério enthüllte. Dass der Geschäftsmann in dem Artikel damit zitiert wird, dass die Partei und die Fraktion enge Beziehungen unterhielten, verstärkte die wahrgenommene Klüngelei noch mehr.

Auch die Regierung heizte die Debatte an, indem sie den ehemaligen Bildungsminister Milton Ribeiro und den ehemaligen Präsidenten der brasilianischen staatlichen Bank Caixa, Pedro Guimarães, beschuldigte, Straftaten begangen zu haben. In diesem Zusammenhang wurde Ribeiro vorgeworfen, an einem Korruptionssystem im Bildungsministerium (MEC) beteiligt gewesen zu sein, das auf dem Zweckentfremden von ursprünglich für die Bildung bestimmten Bundesmitteln beruhte. Der ehemalige Präsident der Caixa Econômica Federal, Pedro Guimarães, wurde wegen sexueller Belästigung und Mobbing angeklagt, nachdem sich weibliche Angestellte der Bank bei der Bundesstaatsanwaltschaft beschwert hatten.

Obwohl die Korruption spätestens seit der Operation Lava Jato ein Thema mit großen Auswirkungen auf die nationale Politik darstellte, fand sie unter anderen die innenpolitische Sicherheit betreffenden Unterthemen im zeitlichen Umfeld der Wahlen nur am dritthäufigsten Erwähnung. Außerdem tauchten Stichwörter zur Korruption in den ersten Monaten des Jahres 2022 nur im März häufiger auf als Äußerungen zum Thema Sicherheitskräfte.

Die Debatte über Sicherheitskräfte wurde wiederum stark mit den Ermittlungen der Bundespolizei gegen den ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro und mit der Präsenz der Streitkräfte in der Debatte über das Misstrauen der Wähler*innen in Verbindung gebracht. Die äußerst geringe Anzahl an Wortbeiträgen zu öffentlicher Sicherheitspolitik, die festzustellen war, fällt in der vorliegenden Analyse auf. Die wenigen Erwähnungen des Themas deuten darauf hin, dass die Sicherheitsdebatte in erster Linie konfliktreich durchgeführt wurde, ohne einen Raum für tiefergehende Auseinandersetzungen mit den Programmen und Vorhaben der Präsidentschaftskandidat*innen geschaffen zu haben.

 

3) Thematische Verknüpfung mit Präsidentschaftskandidat*innen

Diagramm 3 – Thematische Verknüpfung der Debatte über Gewalt/Kriminalität mit Präsidentschaftskandidat*innen
Analysierter Zeitraum: Vom 1. Januar bis zum 18. Juli 2022

Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

. Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

Die thematische Verknüpfung der Debatte über Gewalt und Kriminalität mit den Präsidentschaftskandidat*innen blieb in der ersten Hälfte des Jahres 2022 stabil und stieg ab Juni aufgrund der Verschärfung des Wahlkampfs an. Bis Mai wurde Bolsonaro mit den hier analysierten Inhalten am meisten assoziiert. Ab Juni wurde dann Lula am häufigsten damit in Verbindung gebracht. Bolsonaro wurde mit Milizen, Todesfällen durch COVID-19, Amtsmissbrauch und Korruption sowie mit Äußerungen, die den Einsatz von Waffen befürworteten, in Verbindung gebracht.

In den Monaten Juni und Juli, als die Debatte deutlich häufiger mit den Kandidat*innen assoziiert wurde, stachen Postings heraus, die den damaligen Präsidenten für die Ermordungen von Bruno Pereira, Dom Phillips sowie des PT-Politikers Marcelo Arruda verantwortlich machten und sich gegen Akteur*innen der nationalen Regierung wie Pedro Guimarães und Milton Ribeiro aussprachen. Unter den Beiträgen ließen sich ebenfalls Äußerungen seitens Bolsonaro und seiner Anhänger*innen identifizieren, die Lula mit dem Drogenhandel, der PCC und dem Mord an Celso Daniel in Verbindung brachten.

Im ersten Halbjahr bezogen sich die thematischen Verknüpfungen der Debatte über Gewalt und Kriminalität mit Lula auf Korruptionsskandale und Behauptungen, Lula schütze Kriminelle und befürworte die Legalisierung von Abtreibungen und Drogen. Was die Anzahl der Erwähnungen betrifft, übertraf Lula Bolsonaro im Juni, nachdem er sich zur Entführung von Abílio Diniz äußerte und Nachrichten, die ihn mit dem Mord an Celso Daniel und mit der PCC in Verbindung brachten, in Medienkanälen und sozialen Netzwerken verbreitet wurden. In jenem Monat stieg die Anzahl an Nennungen Lulas im Kontext von Kriminalität und Postings, die ihn mit der PCC verknüpften, waren dabei besonders häufig zu beobachten. Kritisiert wurden vor allem der Minister des Obersten Bundesgerichts, Alexandre de Moraes, und die Presse, die den Zusammenhang zwischen der PT und dem Drogenhandel in Lateinamerika vertuscht hätten.

Die inhaltliche Verflechtung von Präsidentschaftskandidat*innen Ciro Gomes, Simone Tebet und André Janones mit der Debatte über Gewalt und Kriminalität blieb konstant und verhielt sich gemäß der Anzahl an Äußerungen insgesamt. Postings im Zusammenhang mit Ciro Gomes waren durch die von seinen Anhänger*innen angestellten Vergleiche mit Bolsonaro und Lula geprägt. Simone Tebet und André Janones hingegen wurden vor allem in Verbindung mit ihren Leistungen im nationalen Kongress erwähnt.

Diagramm 4 – Wortwolke zu mit Lula assoziierten Begriffen in der Debatte über Gewalt/Kriminalität
Analysierter Zeitraum: Vom 1. Januar bis zum 18. Mai 2022

Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

. Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

Zwischen Januar und März 2022 stellten Korruptionsvorwürfe bei der inhaltlichen Verknüpfung von Lula mit der Debatte über Gewalt und Kriminalität das wichtigste Thema dar. In den Beiträgen ging es um Korruptionssysteme in PT-Regierungen, Vorwürfe der Geldwäsche und eine mit Lulas Rechtsanwalt angeblich verbundene kriminelle Organisation. Sie gaben eine Rede Bolsonaros wieder, der zufolge Lula durch die Präsidentschaftswahlen die „Rückkehr zum Tatort“ intendiere.

Zwischen April und Juli nahmen Äußerungen über Lula mit Bezug zur Korruption ab und selbst die Begriffe „Geldwäsche“ und „Tatort“ fanden eher Erwähnung in Postings, die ihn mit Drogenhandel und organisierter Kriminalität in Verbindung brachten.

Die thematische Verknüpfung mit organisierter Kriminalität verstärkte sich zwischen April und Juli. Dafür gab es mehrere Gründe. Die Ermittlungen gegen Lulas ehemaligen Buchhalter wegen Geldwäsche für die PCC war eine Ursache. Eine weitere war das Geständnis von Marcos Valério in einem bereits erwähnten Artikel der Zeitschrift Veja, dem zufolge Verbindungen zwischen PT und PCC bestünden und Lula den Mord an Celso Daniel beauftragt habe. Auch Lulas Erklärung, er habe Fernando Henrique Cardoso und Renan Calheiros gebeten, die Entführer von Abílio Diniz aus dem Gefängnis zu entlassen, führte zu einem Anstieg von Äußerungen über Lula im Korruptionskontext.

Zu Beginn des Jahres konnte die Verbindung Lulas mit dem Mord an Celso Daniel nach einer Äußerung Bolsonaros zum Thema bereits beobachtet werden. In der zweiten Jahreshälfte wurde die thematische Verknüpfung der organisierten Kriminalität mit dem PT-Politiker zum Hauptthema der Debatte.

Die online ausgedrückte Verbindung Lulas zur Justiz änderte sich ebenfalls in den zwei analysierten Zeiträumen. Zwischen Januar und März wurde die brasilianische Justiz aufgrund von Entscheidungen kritisiert, die Lula bei Verfahren bezüglich der Operation Lava Jato begünstigt hätten. Zwischen April und Juli konzentriert sich die Kritik auf den Minister Alexandres de Moraes wegen Entscheidungen gegen Bolsonaro, die Lula Vorteile verschafft hätten.

In diesen kritischen Beiträgen bekam die Entscheidung des Ministers, die dazu führte, dass Pro-Bolsonaro-Abgeordnete aufgefordert wurden, Postings über Zusammenhänge zwischen Lula und der PCC zu entfernen, besondere Aufmerksamkeit.

Diagramm 5 – Wortwolke zu mit Bolsonaro assoziierten Begriffen in der Debatte über Gewalt/Kriminalität
Analysierter Zeitraum: Vom 1. Januar bis zum 18. Mai 2022

Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

. Quelle: Twitter | Gestaltung: FGV-ECMI

Der Minister des Obersten Bundesgerichtes, Alexandre de Moraes, wurde zwischen Januar und März kritisiert, weil er gegen den damaligen Präsidenten Bolsonaro wegen der Offenlegung vertraulicher Informationen und der Verbreitung von Fake News ermittelte. Die Bolsonaro-Anhänger*innen warfen dem Minister vor, die brasilianische Bundespolizei zu manipulieren, und behaupteten, der ehemalige Präsident habe kein Verbrechen begangen.

Zwischen April und Juli wurde Alexandre de Moraes weiterhin hauptsächlich in Verbindung mit Bolsonaro erwähnt. Während Moraes gegen Fake News und Desinformation bei den Wahlen vorgegangen ist, reichte Bolsonaro eine Klage wegen angeblichen Amtsmissbrauchs durch Moraes ein. Die Aufforderung, Beiträge zu entfernen, die Lula mit der PCC in Verbindung bringen, wurde auch von Bolsonaro-Anhänger*innen kritisiert. Sie behaupteten, der Minister sei Teil dieser kriminellen Vereinigung gewesen, die auf der Seite Lulas gestanden sei.

In beiden Zeiträumen stach die inhaltliche Verknüpfung von Jair Bolsonaro mit der Ermordung von politischen Führungskräften und Aktivist*innen ebenfalls heraus. Zwischen Januar und April organisierten seine Kritiker*innen eine Online-Aktion, in der sie behaupteten, er habe den Mord an Stadträtin Marielle Franco (PSOL-RJ) 2018 angeordnet, wodurch der Fall in der Öffentlichkeit erneut diskutiert wurde. In dem Zeitraum diskutierten die Bolsonaro-Anhänger*innen, wer den während des Wahlkampfs 2018 versuchten Mord durch eine Messerattacke an Bolsonaro angeordnet hatte. Zwischen April und Juni blieben die Verweise auf Marielle Franco und die Messerstecherei im Vordergrund. Außerdem wurde Bolsonaro für den Mord an Dom Phillips und Bruno Pereira indirekt verantwortlich gemacht.

Die Ermordung des PT-Politikers Marcelo Arruda in Foz do Iguaçu (PR) durch einen Bolsonaro unterstützenden Polizisten wurde in der Debatte über Kriminalität und Gewalt mit Bezug auf Bolsonaro in diesem Zeitraum ebenfalls erwähnt. Aussagen des damaligen Präsidenten wurden von den Twitter-Nutzer*innen rezipiert und dazu verwendet, die Behauptung zu stützen, Bolsonaro habe zur Gewalt angestiftet und dass das obengenannte Verbrechen politisch motiviert gewesen sei. Ihm wurde außerdem vorgeworfen, ein Gespräch mit seiner Familie ausgenutzt zu haben, um für sich selbst zu werben.

 

4) Wichtigste Links

Diagramm 6 – Die wichtigsten Links zu Nachrichten über die Debatte über Gewalt/Kriminalität mit Bezug auf Lula
Analysierter Zeitraum: Vom 1. Januar bis zum 18. Juli 2022

Quelle: Facebook | Gestaltung: FGV-ECMI

. Quelle: Facebook | Gestaltung: FGV-ECMI

Unter den wichtigsten Facebook-Links zu Nachrichten über Gewalt, Kriminalität und Präsidentschaftskandidat*innen stach die starke Präsenz des alternativen rechten Medienunternehmens Jornal da Cidade Online hervor. In den sechs ersten Monaten des Jahres 2022 erreichte das Nachrichtenportal das größte Engagement. Dadurch konnte das rechte Lager erfolgreich Narrative zu dem hier besprochenen Thema entwickeln, während die öffentliche Debatte von wenig anderen Akteur*innen geprägt war.

Die Analyse der Links auf Facebook bestätigt, was die Analyse der Wortwolken ergeben hatte: In den ersten Monaten des Jahres wurde die PT hauptsächlich mit Korruption assoziiert und anschließend, im Juni und Juli, mit kriminellen Organisationen in Verbindung gebracht.

Dabei ist hervorzuheben, dass die negativen Nachrichten in Verbindung mit der Bolsonaro-Regierung sich vor allem auf Handlungen, Vorgänge und Tatsachen bezogen, die 2022 stattfanden oder aufgedeckt wurden. Es handelte sich also um „heiße“ Fälle, die sich der öffentlichen Debatte aufdrängten und die Regierung unter Druck setzten. Folgende Beispiele veranschaulichen das: die an Bolsonaro gerichtete Anordnung des Obersten Bundesgerichtes zu Beginn des Jahres, bei der Bundespolizei auszusagen; die Ermordungen des Indigenen-Experten Bruno Pereira und des Journalisten Dom Phillips im Juni; die Auswirkungen des Mordes an dem Schatzmeister der Arbeiterpartei (PT), Marcelo de Arruda, durch einen Bolsonaro-Anhänger im Juli.

Unter den negativen Nachrichten über die PT hingegen kamen solche häufiger vor, in denen über Fakten und Vorkommnisse mit Bezug auf einen größeren Zeitraum berichtet wurde. Dazu gehören Vorwürfe der Korruption in vergangenen PT-Regierungen, Verdächtigungen der rechtswidrigen Verhandlung in den Prozessen um Abílio Diniz und Celso Daniel sowie Vorwürfe der angeblichen Verbindungen zu einer kriminellen Organisation. Diese wurden mit geleakten Auszügen aus dem 2017 abgegebenen Geständnis des Unternehmers Marcos Valério begründet. Obwohl sich die Anschuldigungen gegen die PT auf Begebenheiten bezogen, die sich im Laufe mehrerer Jahre ereigneten, wurden sie aus unterschiedlichen Gründen von der Presse erneut aufgegriffen. Die Macht des mit Bolsonaro verbundenen rechten Lagers, für die digitale Debatte breit zu mobilisieren und zu engagieren, führte dazu, dass sich kurz vor den Wahlen 2022 die Anzahl an Vorwürfen an die PT nochmal erhöhte.

Ereignisse, die großen Aufschrei in der Bevölkerung hervorriefen, waren jedoch in der Lage, das Engagement noch zu übertreffen, das durch die erfolgreichen Kampagnen der weiter rechts stehenden Sektoren erzeugt wurde. Dies konnte beispielsweise im Juli festgestellt werden, als die Nachrichten über den Mord in Foz do Iguaçu große Reichweite erhielten.

3. Fazit

Während die Korruption bisher – und vor allem im Jahr 2018 – ein zentrales Thema in der öffentlichen Debatte vor Wahlen darstellte, stand im ersten Halbjahr des Jahres 2022 die Diskussion über Gewalt und Kriminalität im Mittelpunkt. Die Art und Weise, wie sie von der Rechten und der Linken in sozialen Netzwerken wie Twitter aufgegriffen wurde, zeigt die politische Polarisierung in Brasilien zu dieser Zeit auf. Die in dieser Untersuchung analysierten Profilseiten sind zu je ca. 43 % diesen beiden politischen Lagern zuzuordnen. Jedoch wies die Rechte ein größeres Artikulationspotenzial auf, indem sie bei der Anzahl der Interaktionen auf der Plattform vorherrschte. Gleiches war bei den analysierten Links zu beobachten, die auf Facebook gepostet wurden.

Zu beobachten war außerdem, dass die thematischen Verknüpfungen von Lula mit der organisierten Kriminalität, mit Schwerpunkt auf der PCC, eine große Reichweite hatten. Ein quantitativer Anstieg an Postings, die diese Verbindung zum Gegenstand hatten, wurde zwischen April und Juli beobachtet. Bolsonaro hingegen wurde bereits seit Januar desselben Jahres in Verbindung mit Stichworten aus dem semantischen Feld der Gewalt und Kriminalität in Beiträgen auf Social-Media-Kanälen erwähnt. Dabei wurden Beiträge gepostet, die ihm unter anderem vorwarfen, in den Mord an der Stadträtin Marielle Franco verwickelt zu sein und durch seine Äußerungen zur Gewalt angestiftet zu haben. Dies soll beispielsweise zu dem Mord an dem PT-Mitglied Marcelo Arruda durch einen mit Bolsonaro sympathisierenden Beamten der Kriminalpolizei im Juli 2022 in Foz do Iguaçu (PR) geführt haben.

4. Forschungskoordination

Coordenação de Pesquisa
Marco Aurelio Ruediger
Amaro Grassi

Pesquisadores
Mariana Carvalho
Letícia Sabatini
Victor Piaia
Sabrina Almeida
Maria Sirleidy Cordeiro
Dalby Dienstbach Hubert
Lucas Roberto da Silva
Polyana Barboza
Igor Reis

Revisão técnica
Renata Tomaz

Projeto gráfico
Daniel Almada
Luis Gomes

Newsletter

Newsletter abonnieren